
(KL – Photos joaska / m4media – beide www.sxc.hu) – Letzten Mittwoch hatten wir in einem Artikel angekündigt, dass demnächst der bekannte Zirkus Charles Knie an mehreren Orten in Baden seine Zelte aufschlägt. Dabei hatten wir freundlich die Frage gestellt, ob Tiernummern im Zirkus immer noch zeitgemäß sind. Diese Fragestellung missfiel dem Sprecher des Zirkus Charles Knie, der uns aufforderte, die „publizierten rufschädigenden Unwahrheiten“ zu berichtigen, was natürlich etwas am Thema vorbei ging, da wir ja nichts behauptet, sondern eine Frage gestellt hatten. Da wir selber keine Fachleute zu diesem Thema sind, haben wir von Experten wissen wollen, wie es wirklich um die Tierhaltung und Tiernummern im Zirkus bestellt ist. Also haben wir Sascha Grodotzki, den Sprecher des Zirkus Charles Knie und Marius Tünte, Pressereferent des Deutschen Tierschutzbunds e.V. befragt. Gerne hätten wir auch die Antworten des Zoos Berlin veröffentlicht, der aber nicht bereit war, auf unsere Fragen zu reagieren. Wir weisen darauf hin, dass die beiden Aufnahmen NICHT im Zirkus Charles Knie entstanden sind.
Immer wieder läuft die Diskussion, ob der Zirkus der ideale Lebensraum für Tiere ist. Meinen Sie, dass der ständige Transport und Standortwechsel in relativ begrenztem Raum spurlos an den Tieren vorüber geht?
Sascha Grodotzki (Zirkus Charles Knie): Ja. Die Tiere, die heute in Zirkusbetrieben leben, sind alle in menschlicher Obhut (zoologische Gärten, Zirkusbetriebe oder Aufzuchtstationen) aufgewachsen. Die so genannte freie Wildbahn kennen diese Tiere nicht. Die Tiere kennen als ihre Heimat die Transportwagen, die alle großzügig gestaltet sind und gleichzeitig auch den Schlafplatz (also das Heim erster Ordnung) bilden. Ein Tier ist, im Vergleich zum Menschen, viel ausgeprägter vom Instinkt gesteuert. Würde das Tier die Transportwagen als unangenehm empfinden oder den Transport nicht mögen, würde es diesen Raum auch nicht als Schlafplatz nutzen und auch nicht freiwillig in den Transportraum einsteigen. Dies würde bedeuten, man müsse das Tier zum Einstieg zwingen. Dies wäre schon gar nicht möglich, da dann das Vertrauen zu den Tierlehrern und Tierpflegern gestört wäre, was Lebensgefahr für unsere Tierlehrer bedeuten würde.
Marius Tünte (Deutscher Tierschutzbund e. V.): Leider nein. Eine artgerechte Haltung von Heim- und Nutztieren in Zirkusbetrieben ist in der Praxis nur im Ausnahmefall zu erreichen, die artgerechte Haltung von Wildtieren dagegen gänzlich unmöglich. Gerade Wildtiere stellen besonders hohe Ansprüche an ihre Haltung und Unterbringung (wie spezielle Klima- und Platzansprüche, Sozialverhalten, Ernährung). Wegen des ständig wechselnden Standortes sowie der beschränkten Platzverhältnisse kommt es zu erheblichen Einschränkungen ganz wesentlicher artspezifischer Verhaltensweisen (wie Sozial-, Sexual-, Mutter-Kind-, Bewegungs- und Territorialverhalten). Eine tolerierbare Qualität der Haltung kann somit im Zirkusbetrieb nicht erreicht werden. Die Folgen für die Tiere sind fatal: Massive Gesundheitsschäden, schwere Verhaltensstörungen (Stereotypien) und erhöhte Sterblichkeit.
Empfinden Ihrer Meinung nach die Tiere im Zirkusbetrieb die Vorführungen als Spiel und Spaß oder als Belastung?
SG: Die Tiere empfinden die Vorführungen eher als Spiel und Spaß wobei geistige Forderung der passendere Begriff wäre. Während die Tiere in der so genannten freien Wildbahn ihren Alltag mit Futtersuche verbringen und sich auch vor Gefahren schützen müssen, haben die Tiere (wie auch Haustiere) in menschlicher Obhut keine Gefahren, vor denen sie sich schützen müssen und auch keine Strapazen durch Futtersuche. Es fehlt den Tieren als geistige Beschäftigung. Diese wird durch die intensive Beschäftigung mit den Tieren und auch durch die Vorführung ersetzt. Dabei ist wichtig, dass die gezeigten Vorführungen ausschließlich auf natürliche Bewegungsabläufe und auf den Spieltrieb basieren. Diese „Beschäftigungs-Therapie“ ist unheimlich wichtig für die Tiere. Nicht umsonst betreiben auch immer mehr zoologische Gärten derartige Beschäftigungstherapien mit ihren Tieren. 
MT: Kein Tier führt die gezeigten Dressuren und Abläufe freiwillig vor. Eigentlich sollen Dressur und Vorführungen die Tiere fordern, ihnen Bewegung verschaffen und die Haltung qualitativ durch Reize verbessern. Tatsächlich bedeuten die Nähe zum Menschen, der Lärmpegel in der Manege sowie grelle Lichter für die Tiere aber großen Stress und sind keinerlei Ersatz für artgemäße Verhaltensweisen. Grundsätzlich setzt die Haltung und Mitwirkung von Wildtieren in Zirkussen voraus, dass diese nicht domestizierten Tiere auf direkten menschlichen Kontakt dressiert werden. Wildtiere können sich daran aber nicht „gewöhnen“, sondern ihnen muss dazu mit Gewalt oder anderen Mitteln der Wille gebrochen werden, damit sie die Bezugsperson als übermächtig empfinden. Oftmals werden Darbietungen gezeigt, die ohne Leidzufügung nicht antrainiert werden können, beispielsweise das Springen von Großkatzen durch Feuerreifen oder die so genannten Kombinationsauftritte, wie der Ritt eines Tigers auf einem Pferd (Zirkus Barelli, 2006) oder der Ritt eines Tigers auf einem Elefanten (Zirkus Berolina, aktuell). In beiden Fällen handelt es sich um zwei Tierarten, die sich in der Wildnis feindlich begegnen. Die Dressur kann daher nicht ohne erhebliche Stressbelastung, Angst- und Leidzufügung erfolgt sein. Auch der Kopfstand eines Elefanten im Zirkus Krone ist ein Beispiel für eine tierschutzwidrige Dressur. Hierbei (oder bei ähnlichen Vorführungen) wirken große Kräfte auf Muskulatur und Knochen des Tieres, was zu unvorhersehbaren Schäden führen kann. Eine solche Dressur gehört keinesfalls zu natürlichen Bewegungsabläufen, ist aus Tierschutzsicht grob fahrlässig und grundsätzlich abzulehnen. Einige Wildtierarten können aufgrund ihrer Biologie und ihres Verhaltens ohnehin nicht für bestimmte Vorführungen ausgebildet werden. Sie werden als reine Schautiere mitgeführt (z.B. Giraffe, Nashorn, Flusspferd).
Was ist für die der Unterschied der Tierhaltung in einem stationären Zoo und in einem Zirkusbetrieb mit ca. 50 Standortwechseln während einer Tournee?
SG: Die Tiere erleben im Zirkus viel mehr Unterschiede. Während im Zoo das Leben für die Tiere sehr monoton ist, bekommen die Tiere durch den Standortwechsel viele neue Eindrücke, der die Tiere geistig fordert und beschäftigt. Zahlreiche Verhaltensforscher haben bereits erwiesen, dass der Platzwechsel für die Tiere im Zirkus förderlich ist. Neue Gerüche und immer neue Außengehege sorgen für Abwechslung im Leben des Tieres. Man kennt dies ja auch zum Beispiel von einem Haushund, der die größte Freude hat, wenn er einmal eine neue Umgebung erkunden kann.
MT: Wie bereits oben aufgeführt, können die speziellen Ansprüche der verschiedenen Tierarten an ihre Haltung und Unterbringung in Zirkusbetrieben nicht erfüllt werden. Ein Zoo kann beispielsweise stabile klimatische Verhältnisse schaffen, abwechslungsreiche Gehegestrukturen und größere Platzverhältnisse bieten, die natürliche Gruppenstruktur bei sozial lebenden Tieren fördern und eine artgemäße Ernährung sowie medizinische Versorgung gewährleisten. Im Gegensatz zu Zirkusbetrieben wird in wissenschaftlich geführten Zoos eine Haltung ohne direkten Mensch-Tier-Kontakt angestrebt. Die Tiere sind weniger an den Menschen gewöhnt und können dadurch ihre eigentlichen artgemäßen Bewegungs- und Verhaltensweisen besser ausleben. Auch die Kontrolle der Haltung von Zirkustieren ist im Gegensatz zu Zootieren nur schwer möglich. Manche Zirkusbetriebe melden sich bei der Behörde nicht an, so dass die zeitlichen Möglichkeiten der Behörde Missstände aufzudecken oder zu beheben stark eingeschränkt sind. Zirkusse bleiben meist nur wenige Tage an einem Ort; bei Ortswechsel ändert sich auch die Zuständigkeit der Behörden, die Verfolgung von Missständen wird somit erschwert. Bei festgestellten Mängeln durch die Behörde ist eine Wegnahme der Tiere oft nicht möglich, da es keine Auffangstationen für diese gibt. Zudem ist die Rechtslage allgemein völlig unzureichend, da es in Deutschland außer den allgemeinen Regelungen des Tierschutzgesetzes keine rechtlich verbindlichen Vorgaben für die Tierhaltung in Zirkusbetrieben gibt. Die „Zirkusleitlinien“, die im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums veröffentlicht wurden, konkretisieren zwar die Haltungsanforderungen für bestimmte Tierarten, sind aber aus Tierschutzsicht völlig unzureichend und weder rechtsverbindlich noch werden diese Minimalvorgaben in der Praxis hinreichend umgesetzt.
Was halten Sie von dem Trend, dass Zirkusbetriebe bewusst auf Tiernummern verzichten?
SG: Es gibt keine Zirkusbetriebe, die bewusst auf Tiernummern verzichten. Unternehmen wie der Cirque du Soleil oder Roncalli, die keine Tierdarbietungen im Programm zeigen, sind wandernde Varietés mit einem anderen Zielpublikum, einer anderen Unternehmensstruktur sowie einer ganz anderen Preisklasse. Richtige Zirkusbetriebe reisen mit den Elementen Clownerie, Artistik und Tierdarbietungen, wie es seit hunderten von Jahren der Fall ist. Mehr als eine halbe Millionen Menschen kann allein der Zirkus Charles Knie während einer laufenden Saison in seinem Zelt zählen. All diese Menschen wissen, dass der Zirkus Charles Knie Tierdarbietungen zeigt und wollen diese auch sehen. So gastierte der Zirkus Charles Knie zuletzt in Heidelberg, wo prinzipiell kaum Zirkusse mit exotischen Tieren noch zugelassen werden. Da der Zirkus Charles Knie von einer exzellenten Haltung die Stadtverwaltung überzeugen konnte, wurde der Betrieb zugelassen. Das Heidelberger Publikum fragte schon weit im Voraus des Gastspieles an, ob der Zirkus Charles Knie auch wirklich die vielen exotischen Tiere zeige, denn das wäre es, was man in Heidelberg endlich mal wieder sehen möchte. Der Erfolg sprach für sich: Von 12 Vorstellungen waren 10 Vorstellungen ausverkauft und zwei Vorstellungen sehr gut besucht.
MT: Wir begrüßen diesen Trend. Es gibt tolle Zirkusbetriebe, die Unterhaltung für die ganze Familie bieten – ohne, dass Tiere dafür leiden müssen.