1989 – Leipzig wird innerhalb von Tagen zur Goldgräberstadt

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(Kai Littmann – Photo Christophe Panzer) – 12. November 1989. Nach dem Frühstück treffen wir auf Vermittlung eines Bekannten von der Universität Moskau einen Herrn Becker (Name geändert), Dozent für Informatik an der Karl-Marx-Universität. Der Mann ist zunächst etwas zurückhaltend, doch als wir ihm erklären, dass wir eine Niederlassung unserer Firma für den osteuropäischen Markt in Leipzig gründen wollen, taut er auf. Wir haben keine Ahnung, wie es im Jahr 1989 um EDV-Kenntnisse in der DDR bestellt ist. Haben die hier überhaupt richtige PCs? Oder nur diese komischen Robotron-Kisten?

     „Im Institut haben wir zwei VAX von Digital Equipment“, strahlt Herr Becker. Erstaunlich, denn diese Rechner der mittleren Datentechnik stehen auf der Cocom-Liste der Produkte, deren Export in Ostblockländer verboten ist. Wo die nur 2 VAX her haben? Bei PC-Technik sieht es ähnlich aus. „Wir haben grade die Norton Utilities auf C umprogrammiert, damit wir sie auch auf unseren anderen Maschinen laufen lassen können“, sagt Herr Becker und wir können es kaum fassen, dass die Menschen hier mindestens so viel Ahnung von westlicher Technologie haben wie wir selbst.

     Die Menschen sind es gewohnt, mit viel Phantasie zu arbeiten. „Wegen der hohen Luftverschmutzung hier werden die Chips in den Rechnern angegriffen und die Datenleitungen fangen in nullkommanix an zu rosten“, wird uns erklärt, „deswegen bauen wir kleine Schutzkästchen aus Plastik um die Prozessoren herum, damit die länger halten“. Um ehrlich zu sein, die Leute hier haben wesentlich mehr Ahnung als wir. Klasse.

     Mittags treffen wir Herrn Becker und zwei seiner Kollegen, die ebenfalls gerne in unsere neue Firma möchten. Wir schlagen allen drei möglichen neuen Mitarbeitern vor, für 1000 DM im Monat zu starten. Es gibt keine Verhandlungen. Die drei sind hoch erfreut. Wir haben gerade die halbe Dozenten-Mannschaft der Karl-Marx-Universität eingekauft. Der osteuropäische Markt liegt wie eine Autobahn vor uns. Wir gehen feiern und auf der Straße merkt man, was 40 Jahre Diktatur bedeuten. Die Menschen ziehen den Kopf zwischen die Schultern, man beobachtet beim Gehen auf der Straße, ob jemand dem Gespräch lauscht und alle sprechen leise und gedämpft. Als ob sie Angst hätten. Unsere kleine Feier zu fünft in einem der besten Restaurants von Leipzig kostet 60 Mark. Westmark.

     Für die Gründung unserer Firma ist alles noch unklar. Gerüchte besagen, dass man nur dann eine Firma gründen kann, wenn ein DDR-Bürger mindestens 51 % der Anteile hält. Wir wissen nicht, ob das stimmt. Wir wissen noch nicht einmal, ob das hier noch DDR oder schon etwas anderes ist. Unsere Ansprechpartner wissen das auch nicht und sind entsprechend vorsichtig. Wie das denn war, mit der Stasi und allem, wollen wir wissen. „Nu ja, das war nich so eenfach“, lautet die Antwort. Später wird sich herausstellen, dass unsere neuen Mitarbeiter alle eine ganz persönliche Vergangenheit als IMs hatten.

     Am Abend in der Pension treffen wir unseren Drucker wieder, der strahlt. „Ich habe ein großes Druck-Kombinat gekauft“, sagt er, „für 2 Millionen“. Finanziert von einem Bank-Manager, der in der gleichen Pension wie wir wohnt und wohl extra für solche Deals vor Ort ist. Während am Leipziger Bahnhof vietnamesische Geldwechsler mit großen Geldbündeln hantieren, sind die großen Haie schon längst in der Stadt ausgeschwärmt und suchen sich die Filetstücke heraus. Es gibt die DDR zwar noch, aber sie wird bereits bei lebendigem Leib ausgenommen. Und morgen wollen wir uns dann um Büros kümmern.

 

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